Programm zur Tagung „Massendinghaltung in der Archäologie“

Massendinghaltung in der Archäologie.
Der material turn und die Ur- und
Frühgeschichte

Tagung der Arbeitsgemeinschaft Theorien in der Archäologie e.V. (AG TidA)

Organisation: Kerstin P. Hofmann, Thomas Meier, Doreen Mölders und
Stefan Schreiber

23. – 25. Mai 2013 Berlin, Topoi Building Dahlem, Hittorfstr. 18, 14195 Berlin

Die Archäologie gehört zu den wenigen Wissenschaften, die sich seit ihrer Herausbildung als akademische Disziplin stets um die Akzeptanz von Objekten als Ausdruck kulturellen Wissens bemühen. Sie sollte daher den meisten kulturwissenschaftlichen Disziplinen im analytischen Umgang mit den Dingen einige Schritte voraus sein. Im Zuge des material turn und der Ausweitung des Forschungsinteresses anderer Kulturwissenschaften auf die
Materielle Kultur bietet sich der Archäologie erstmals die Möglichkeit, die gewonnenen Erfahrungen mit den Dingen, ihrem Eigensinn und ihrer Tücke interdisziplinär zu diskutieren und gleichzeitig die fachinternen Praktiken aus einer anderen Perspektive kritisch zu hinterfragen.
Wir wollen mit der Tagung „Massendinghaltung in der Archäologie. Der material turn und die Ur- und Frühgeschichte“ diese Gelegenheit nutzen, um das gegenwärtig vielbeschworene Interesse an den Dingen in den archäologischen Blick zu nehmen. Darüber hinaus haben wir Expertinnen anderer Wissenschaften gebeten, von einem jeweils spezifischen Standpunkt aus auf die Dinge und deren archäologische Handhabung zu schauen.
Das Programm wird von Referentinnen und Referenten verschiedener Disziplinen gestaltet. Dabei werden in 17 Redebeiträgen die Facetten von Materialität beleuchtet, die Beziehungen zwischen Menschen und Dingen aufgedeckt und Sammlungen zu Besonderen Orten von Dingen erklärt.

Wir laden alle Interessenten dazu ein, an der Tagung teilzunehmen und mit uns zu diskutieren. Außerdem nehmen wir bis zum 2. Mai gern Vorschläge für Poster zum Beispiel zum Thema workplace studies an, auf denen Forschungspraktiken in Interaktion mit archäologischen Dingen oder Dinge des Arbeitsalltags gezeigt und beschrieben werden.
Weiterhin rufen wir dazu auf, in Kurzbeiträgen am Rande geliebte oder auch gehasste Dinge wissenschaftlicher Tätigkeit dem Publikum materiell vorzustellen!

In einem Rahmenprogramm werden wir am Donnerstag, den 23. Mai, 18 Uhr in Kleingruppen das Magazin im Museum Schloss Charlottenburg und am Samstag, den 25. Mai, 10 Uhr das Museum der Dinge (Eigenbetrag ca. 6 Euro/Person) besuchen. Für beide Veranstaltungen ist eine verbindliche Anmeldung unter massendinghaltung@gmx.de bis zum 30. April erforderlich.

PROGRAMM
Donnerstag, 23.05.13

9:30 Doreen Mölders (Chemnitz): Einleitung

10:00 Matthias Jung (Frankfurt/M.):  Krüge und Henkel. Ein „material turn“ in der deutschen Philosophie und Soziologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts

10:30 Kaffee

11:00 Thomas Meier (Heidelberg): Materialität – ein (un)zeitgemäßes Konzept?

11:30 Stefan Schreiber (Berlin):  Cyborgs in der Vergangenheit: Posthumanismus oder eine neue sozial(er)e Archäologie?

12:00 Philipp W. Stockhammer (Heidelberg): Mensch-Ding-Verflechtungen aus ur- und frühgeschichtlicher Perspektive

12:30 Mittagessen

13:30 Kerstin P. Hofmann (Berlin): Das Ding als historische Quelle in Revision

14:00 Manfred K. H. Eggert (Tübingen) & Stefanie Samida (Potsdam): Überlegungen zum historischen Potential des Materiellen oder Können Dinge der Vergangenheit redundant sein?

14:30 Kaffee

15:00 Hans Peter Hahn (Frankfurt/M.): Sammlungen – Besondere Orte von Dingen und ihr Eigensinn

15:30 Astrid Hackel (Berlin):  Die tourende Sammlung: Jan Lauwers und Needcompanys Performance Isabellas Zimmer als Gegenentwurf zur Institutionalisierung der Dinge

16:00 Dominik Collet (Heidelberg): Dinge als „disciplinary objects“. Frühe universitäre Sammlungen und die Naturalisierung neuer Wissensfelder

16:30 Diskussion

17:00 Abfahrt in Richtung Schloss Charlottenburg

18:00 Besuch des Magazins im Museum Schloss Charlottenburg
(Anmeldung erforderlich!)

20:00 Möglichkeit zum gemeinsamen Abendessen in der Trattoria Opera Italiana, Spandauer Damm 5, 14059 Berlin

Freitag, 24.05.13

9:30 Susanne Grunwald (Berlin): „Riskante Zwischenschritte“. Archäologische Kartographie in Deutschland um 1900

10:00 Katja Rösler (Maintal): Mit den Dingen rechnen: „Kulturen“-Forschung und ihr Geselle Computer

10:30 Kaffee

11:00 Arnica Keßeler (Berlin): Affordanz oder was Dinge können!

11:30 Tatiana Ivleva (Leiden): A totality of things and objects: multifaceted British-made brooches abroad

12:00 Mittagessen

13:00 Reinhard Bernbeck (Berlin): Akkumulieren ist eine Suchtkrankheit und Archäologie ist ihr Symptom

13:30 Raimund Karl (Bangor): My preciousssss… Oder: every sherd is sacred

14:00 Kaffee

14:30 Sabine Rieckhoff (Leipzig/Regensburg): Ist das Archäologie oder kann das weg?

15:00 Abschlussdiskussion

16:00 Mitgliederversammlung der AG TidA

Samstag, 25.05.13

10:00 Besuch im Museum der Dinge mit Führung (Anmeldung
erforderlich, Eigenbeitrag ca. 6 € pro Person!)

ABSTRACTS

Matthias Jung

Krüge und Henkel. Ein „material turn“ in der deutschen Philosophie und Soziologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Bereits in der deutschen Philosophie und Soziologie des frühen 20. Jahrhunderts ereignete sich ein „material turn“, eine Hinwendung zu konkreten und alltäglichen Dingen, die, neben dem logischen Positivismus, Ausdruck eines wiedererstarkenden Empirismus war. Als exemplarisch für diesen Prozess sollen Texte von Ernst Bloch, Georg Simmel und Martin Heidegger diskutiert werden, die sich mit der Getränkeaufbewahrung dienenden Gefäßen beschäftigen. Das Interesse der nicht aufeinander Bezug nehmenden Theoretiker ausgerechnet an derartigen Gefäßen gründet darin, dass es sich um Gegenstände handelt, die beständig in Gebrauch sind, die sich aufgrund ihrer umfangreichen Außenfläche in besonderer Weise zu künstlerischen Gestaltungen eignen und die schließlich als dem Komplex der Konsumtion von Getränken angehörig oft in die gemeinsame soziale Praxis mehrerer Personen eingebettet sind. Ziel des Beitrags ist die Klärung der Frage, warum die an den Versuchen Blochs, Simmels und Heideggers ablesbaren Ansätze zu einer Hermeneutik materieller Kultur weitgehend versandeten, ohne eine Tradition begründen zu können, und ob eine Rückbesinnung auf ihre Konzepte, die (soweit ich sehe) keinen oder zumindest keinen unmittelbaren Einfluss auf die seinerzeit sich allmählich etablierende ur- und frühgeschichtliche Archäologie hatten, für eine Erschließung der Bedeutung von Zeugnissen materieller Kultur auch gegenwärtig noch fruchtbar sein kann.

Matthias Jung
Institut für Grundlagen der Gesellschaftswissenschaften
Goethe-Universität Frankfurt am Main
matjung@stud.uni-frankfurt.de

Thomas Meier                                                                                   Materialität – ein (un)zeitgemäßes Konzept?

Materialität als unveränderlicher, den Dingen innewohnender Kern, deren
phänomenologische Gewalt (Frers) und Präsenz (Gumbrecht), ihr (akteurtheoretischer?) Eigensinn nebst ihrer Tücke oder ihr eigenes Recht sind derzeit in den Kulturwissenschaften en vogue. Aber sind sie wirklich so neu und modisch, wie sie vorgeben zu sein, sind sie zeitgemäß? Jenseits innovatorischer Rhetorik („material turn“) greift das Konzept einer essentialistisch verstandenen Materialität – betont oder auch in wissenschaftsgeschichtlicher Unkenntnis – in meist stark vereinfachter Form Ansätze aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf, die letztlich als phänomenologisch zu bezeichnen sind. Dabei wird mancherlei übersehen: Die Wissenschaftstheorie hat sich weiterentwickelt, und was um 1900 (Husserl) oder 1920/40 (Heidegger) ohne weiteres schlüssig war, muss sich heute den erkenntnistheoretischen Debatten der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts stellen. Insbesondere hat der (radikale) Konstruktivismus einem phänomenologisch-essentialistischen Ansatz den theoretischen Boden entzogen, und jede Phänomenologie muss nun gegenüber dem Konstruktivismus nachweisen, dass sie eine essentialistische Materialität der Dinge logisch zu begründen vermag. „Flotte“ Auswege, den Konstruktivismus schlicht für überholt zu erklären (z.B. Latour, Gumbrecht) oder den Dingen gegen ein Übermaß an Idealismus zu ihrem Recht verhelfen zu wollen, bleiben argumentativ leer und scheinen darauf hinzudeuten, dass epistemologische Begründungen fehlen. Die Annahme einer apriorischen Materialität, die vom Menschen, wenn auch in kulturellen Ausformungen, erkannt werden könne, basiert letztlich auf dem Cartesischen Dualismus von Geist (res cogitans) versus Materie (res extensa), der sich wissenschaftshistorisch als kulturelle Perspektive einer genuin westeuropäischen Geistesgeschichte darstellt. Auch diese Entstehungsbedingungen des Konzepts „Materialität“ sprechen gegen die ontologische Annahme einer Materialität als kulturunabhängigem Wesenskern der Dinge.
Das Konzept „Materialität“ bedient ein positivistisches Weltbild, das in den Dingen die Basis der Erkenntnis vermutet, und dient damit der Durchsetzung eines naturwissenschaftlichen Blicks auf die Welt. Diese Perspektive, welche die Welt zum Objekt macht, ist ganz wesentlich ein diskursives Machtinstrument (Foucault) und erkenntnistheoretisches Problem der westlichen Kulturen (Groh). In der Kombination von Eurozentrismus und Anspruch auf Allgemeingültigkeit trägt es in seiner Anwendung auf fremde Kulturen kolonialistische Züge.
Das Konzept „Materialität“ scheint daher zwar an der Oberfläche eine neue, aktualistische Wende der Kulturwissenschaften zu begründen, entlarvt sich bei näherer Betrachtung aber als äußerst rückw.rtsgewandt – und zwar sowohl in erkenntnistheoretischer wie in machtstruktureller Hinsicht. Es bedient mit modisch-theoretischem Anstrich und erheblicher epistemologischer Ignoranz die positivistische Überzeugung des 19. Jahrhunderts, die Basis der Erkenntnis sei das Material, und blockiert damit eine breite erkenntnistheoretisch informierte Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Archäologie.

Thomas Meier
Institut für Ur- und Frühgeschichte
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
thomas.meier@zaw.uni-heidelberg.de

Stefan Schreiber                                                                                  Cyborgs in der Vergangenheit: Posthumanismus oder eine neue sozial(er)e Archäologie?

Archäologie muss sich als Institution der „Massendinghaltung“ neben Fragen der Akkumulation, Lagerung und Konservierung auch den methodologischen und ethischen Problemen einer solchen Praxis stellen. So muss auch gefragt werden, wie und unter welchen Bedingungen wir Akteur_innen der Vergangenheit in Dinge verwandeln, die wir „entrechtet“ in Käfige und Kartons verpacken und solcherart Gewalt über sie ausüben. Kürzlich prophezeite Stefan Burmeister, dass der material turn verstärkt posthumanistische Konzepte in die Archäologie einbringen werde (Burmeister 2012). Zugleich wies er darauf hin, dass der emanzipatorische Gedanke des Posthumanismus, ähnlich wie im Humanismus selbst, ein repressives Potential entfalten könnte. So fokussiert der Posthumanismus auf die Rechte von Pflanzen, Tieren, Künstlichen Intelligenzen und anderen auch hybriden Akteur_innen. Menschlichkeit tritt als Eigenschaft von Akteur_innen bzw. Aktanten in den Hintergrund, postsubjektive Formen der Handlungsfähigkeit – agency – rücken ins Zentrum. Um sich der Frage zu nähern, welchen Charakter eigentlich die durch die Archäologie untersuchten vergangenen Akteur_innen haben – seien es nun der „indian behind the artifact“ oder der „indian behind the indian“ oder aber das Artefakt selbst – wird im Vortrag Donna Haraways Konzept der Cyborg angeführt (Haraway 1991). Als Folge der Dekonstruktion der Grenzziehung zwischen Tier und Mensch, Mensch und Ding/Maschine sowie Physikalischem und Nichtphysikalischem führt sie die Cyborg als posthumanistische Akteur_in der Gegenwart ein, die sie kulturkritisch für die Schwächung und Überwindung anderer humanistischer und dualistischer Grenzen, wie der zwischen Geschlechtern und Spezies nutzen möchte. Für die Archäologie und damit für die Akteur_innen der Vergangenheit bietet sich dieses Konzept m.E. an, da nicht a priori bestimmte subalterne Gruppen, welche bislang durch die hegemoniale Stellung männlich-weiß-westlich geprägter Wissenschaft vernachlässigt wurden – so z. B. Frauen, Greise, Tiere und Dinge und auch alle hybriden „Trans-Ding-Akteur_innen“ –, ausgeblendet oder benachteiligt und als konturlose Massen gehalten und genutzt werden. Der Vortrag thematisiert die Chancen und Möglichkeiten von Cyborgs in der Vergangenheit, die Fokussierung auf das soziale, verbindende zwischen den verschiedenen Akteur_innen. Zugleich soll aber auch der Frage nachgegangen werden, ob Archäologie nicht schon immer posthumanistisch gearbeitet hat und der material turn eigentlich ein non-human turn ist und damit zur Unterdrückung des Menschen statt zur Gleichberechtigung und Emanzipierung hybrider und nicht-menschlicher Gruppen führt. Führen uns Cyborgs in der Vergangenheit zu einer posthumanistischen oder einer neuen sozial(er)en Archäologie?

Stefan Schreiber
Institut für Prähistorische Archäologie
Freie Universität Berlin
stefan.schreiber@topoi.org

Philipp W. Stockhammer

Mensch-Ding-Verflechtungen aus ur- und frühgeschichtlicher Perspektive

In den letzten Jahren wurde die Archäologie mit dem wachsenden Interesse der benachbarten Disziplinen konfrontiert, die von der Erfahrung der Archäolog(inn)en im Umgang mit materieller Kultur lernen wollten. Um diesen neuen Anforderungen auch gerecht werden zu können, müssen wir uns der methodischen Herangehensweisen und erkenntnistheoretischen Potentiale unseres Fachs im Umgang mit den Dingen bewusst werden und unsere
Analyseschritte auf eine Art und Weise definieren, die den interessierten Nachbardisziplinen die Möglichkeit zum Anschluss bietet. Aus diesem Grund ist es notwendig, den Practice Turn der Kultur- und Sozialwissenschaften auch in der Archäologie nachzuvollziehen (Stockhammer 2012) und zugleich einen neuen, eigenständigen, methodischen Ansatz zur Analyse von Mensch-Ding-Verflechtungen zu entwerfen, wie dies bereits Ian Hodder (2012) versucht hat. In meinem Vortrag möchte ich mit vier entscheidenden Themenkomplexen unsere Herangehensweise an die Dinge beleuchten, nämlich die Objekte in ihrer Materialität, in ihrem archäologischen Kontext, in ihrer räumlichen Verbreitung und in ihrer Macht und Bedeutung in Relation zum Menschen. Eine Integration und Aneignung von Aspekten der Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latours in unsere Methodologie wird uns ermöglichen, noch weiterführende Einblicke in die komplexen Mensch-Ding-Verflechtungen der Vergangenheit zu gewinnen. Latour vernachlässigt allerdings das transformative Potential von Objekten, das ich als die doppelte Wandelbarkeit der Dinge definieren und dann die Wirkungsmacht dieser Wandelbarkeit auf den Menschen beim Umgang mit den Dingen herausstellen möchte.

Philipp W. Stockhammer
Institut für Ur- und Frühgeschichte
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
philipp.stockhammer@zaw.uni-heidelberg.de

Kerstin P. Hofmann

Das Ding als historische Quelle in Revision

Durch den material turn und die Suche nach authentischer historischer Substanz kam es in den letzten Jahren zu einer Aufwertung der archäologischen Funde und Befunde gegenüber den seit den Anfängen der Geschichtswissenschaft überwiegend präferierten Schriftquellen. Die Archäologie sowie ihre Praktiken und Techniken der Massendinghaltung (Bergung, Dokumentation, Klassifikation, Archivierung, Auswertung und Präsentation von Funden) erfahren eine bis dato so nie gekannte Aufmerksamkeit. Gleichzeitig orientiert man sich in der Archäologie bei den Versuchen, den Zeugniswert materieller Hinterlassenschaften zu bestimmen, jedoch immer noch an den Altmeistern der historischen Zunft, Johann Gustav Droysen und Ernst Bernheim, und verwendet auch heute noch ihre primär für Schriftquellen entwickelte Systematik. Ziel des Vortrages soll es sein, den spezifischen Quellencharakter materialer historischer Überlieferung in Form von Dingen und die ihnen inhärenten Artikulationsformen des Vergangenen auf Grundlage der neuen Ansätze und Theorien der material culture studies zu erörtern – ohne dabei die den Dingen innewohnende Bescheidenheit durch das Pathos des Authentischen abzulösen und die Konstruktionsvorgänge der vermeintlich objektiv gegebenen, unmittelbar und wahrhaftig auf uns überkommenden historischen Dingwelten unberücksichtigt zu lassen.

Kerstin P. Hofmann
Institut für Prähistorische Archäologie
Freie Universität Berlin
kerstin.hofmann@topoi.org

Manfred K. H. Eggert & Stefanie Samida

Überlegungen zum historischen Potential des Materiellen oder Können Dinge der Vergangenheit redundant sein?

Der Vortrag sucht die Problematik der archäologisch erschlossenen und erschließbaren Überreste der Vergangenheit aus einem erkenntnis- und geschichtstheoretischen Blickwinkel zu behandeln. Pragmatische Aspekte ihrer Restaurierung, Konservierung und Lagerung werden im Einzelnen zwar nicht erörtert, bilden aber den Hintergrund unserer Ausführungen. Wir möchten den „Dingen auf die Spur“ kommen, indem wir zum einen die der Materiellen Kultur innewohnende Dimension der „Dingbedeutsamkeit“ (K.-S. Kramer) untersuchen. Hierbei haben wir es im Wesentlichen mit der „auratischen“ Sphäre von Sachgut zu tun. Es ist als Überrest aus einer mehr oder minder fernen Vergangenheit oder einem entsprechenden kulturellen Kontext als etwas „Fremdes“ in unserer Kultur präsent. Die Aura archäologisch erschlossener Überreste etwa ist ein gutes Beispiel für die Faszination, die „alte“ Dinge beim Betrachter auslösen. Das Auratische ist aufs Engste mit Einfühlung und emotionaler Hinwendung zu den materiellen Überresten der Vergangenheit verknüpft. Aus idealtypischer Sicht stellt dies gewissermaßen den Gegenpol des von uns angestrebten Ziels dar: Uns geht es um die Aussagekraft des Materiellen als Medium wissenschaftlicher Erkenntnis. Wir möchten klären, wie eine auf das Materielle gegründete Erkenntnis strukturiert ist und wo ihre Möglichkeiten und Grenzen liegen. Einer der bekanntesten und extremsten gegenwärtigen Vertreter einer um das Materielle errichteten Erkenntnistheorie ist Bruno Latour. Wir wollen daher in paradigmatischer Absicht einen kritischen Blick auf seine „Akteur Netzwerk-Theorie“ werfen. Dabei geht es uns nicht um Detailkritik. Vielmehr möchten wir die Frage beantworten, ob Dinge im sozialen Kontext tatsächlich als „Aktanten“ fungieren oder fungieren können. Über die Analyse der „Sozialität“ des Materiellen zielen wir auf eine Verknüpfung mit der oben erwähnten Hintergrundsproblematik der Restaurierung, Konservierung und Lagerung historischer Dinge. Zugleich werden wir damit auch die Frage im Untertitel beantworten.

Manfred K. H. Eggert
Institut für Ur- und Frühgeschichte und
Archäologie des Mittelalters
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
manfred.eggert@uni-tuebingen.de

Stefanie Samida
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Potsdam
samida@zzf-pdm.de

Hans Peter Hahn                                                                          

Sammlungen – Besondere Orte von Dingen und ihr Eigensinn

Obgleich das Sammeln von Dingen als eine Konstante menschlichen Handelns betrachtet werden kann, ist die Idee der Sammlung als Ort öffentlichen und repräsentativen Charakters sehr viel jünger. Hervorgegangen aus den Schatz- und Wunderkammern der Neuzeit, etabliert sich das Museum als Schnittstelle von Wissensstrukturen, politischer Selbstdarstellung medialer Fokussierung erst im 19. Jahrhundert. Allen Beteuerungen über den geistigen und repräsentativen Charakter des Museums zum Trotz ist es dieser Institution nicht gelungen, die offensichtlichen Prallelen zu dem in gleicher Zeit entstandenen Zwilling, dem Warenhaus loszuwerden. Dinge in der Sammlung sind stets mehr, als die guten Wünsche im Moment der Sammlungsentstehung es erahnen ließen. Der Telos einer Museumssammlung – erkenntnisleitend zu sein, der Artikulation von Wissen zu dienen und historische Momente „einzufrieren“ beschreibt im besten Falle einen Teil der tatsächlichen Existenzbedingungen einer Sammlung. Das Ergebnis dieser Dissonanz ist in den alltäglichen Problemen eines Kustos mit seiner Sammlung abzulesen. Eine Sammlung ist eben nicht nur ein Wissensort, sondern auch ein Problem der Konservierung und der Ordnung. Dieser Eigensinn der Dinge verlangt nach immer neuen und raffinierteren Strategien des Umgangs mit ihnen. Gerade die neuesten Entwicklungen in diesem Feld, die vollständige digitale Erfassung der Sammlungen, erscheint als ein Versprechen auf totalen Zugriff bei minimalem Aufwand. Tatsächlich jedoch bedeutet es einen Rückzug aus der widerspruchvollen Welt des Materiellen und birgt in sich die Gefahr, sich mit einem funktional definierten Set an Informationen an einen beschränkten Zugriff zu gewöhnen. Forschungsfragen werden dann nicht mehr an den Dingen selbst, sondern an die verfügbaren Daten gerichtet. Angesichts solcher Probleme versteht sich dieser Beitrag als ein Plädoyer dafür, die Komplexität und den widersprüchlichen Charakter von Objektsammlungen als eine immanente Eigenschaft zu betrachten. Probleme der Ordnung, Objektkonservierung und der angemessenen Lagerung sind nicht lästige Randerscheinungen, sondern als eine Grundeigenschaft von Dingen zu verstehen.

Hans Peter Hahn
Institut für Ethnologie
Goethe Universität Frankfurt am Main
hans.hahn@em.uni-frankfurt.de

Astrid Hackel                                                                                              

Die tourende Sammlung: Jan Lauwers und Needcompanys Performance Isabellas Zimmer als Gegenentwurf zur Institutionalisierung der Dinge

Seit Juli 2004 wird die Performance Isabellas Zimmer des niederländischen Künstlers Jan Lauwers und der von ihm mitbegründeten Needcompany weltweit erfolgreich aufgeführt. In ihrem Zentrum steht eine reale Erbschaft: Eine auf der Bühne präsentierte Auswahl einer über 5800 archäologische und ethnologische Objekte umfassenden Privatsammlung. Mit dem Tod des Vaters Félix Lauwers (1924 – 2004) hat die Sammlung ihren bisherigen Aufstellungsort und ihre einstige Bestimmung verloren. Die Erbschaft impliziert einerseits die Möglichkeit eines Neuanfangs, andererseits die Einsicht in die „Schwere“ ihres Antritts und die damit einhergehende, ethische (und logistische) Verantwortung. Erst vom Zeitpunkt der unerwarteten Erbschaft wird begreifbar, dass Félix Lauwers nicht nur Vater, sondern auch passionierter Hobbyarchäologe und Sammler war. Dass der Tote zu diesem bis dahin unhinterfragten Aspekt seines Lebens nicht mehr Rechenschaft ablegen kann, gehört zum unbefriedigend-defizitären Anteil der moralischen Erbschaft, die in der materiellen immer enthalten ist (vgl. Derrida: Marx‘ Gespenster). Was bleibt, sind die sehr heterogenen, meist aus dem Alten Ägypten und dem südlich der Sahara gelegenen Afrika stammenden Objekte, deren Geschichte(n) mit ins Grab genommen wurden. Seit dem Tod des Vaters, mit dem – historisch verspätet – aus familialer Sicht auch ein bestimmter Typus, nämlich der unschuldig passionierte Sammler, gestorben ist, werden die gesammelten Objekte nur noch schlaglichtartig live on stage sichtbar gemacht, während sie die meiste Zeit der Dunkelheit von Transportkisten und Lagerräumen ausgesetzt sind. Ihre inzwischen gut acht Jahre andauernde, nomadische Existenz im Rahmen flüchtiger Theateraufführungen lässt sich als bewusst offene, provisorische Antwort auf ein persönliches Dilemma zwischen dem Impuls des Zeigens und dem des Versteckens verstehen.
So positioniert, verweist Isabellas Zimmer exemplarisch auf die gesellschaftliche Ratlosigkeit hinsichtlich eines adäquaten Umgangs mit der exorbitant anwachsenden Zahl der zur Kunst erhobenen, dem sozialen Kreislauf für immer entzogenen Objekte aus Privatsammlungen, Museen und Depots. Der aufführungsimmanente Zirkulationsprozess forciert zum einen die reale „Gefährdung“ der weitgehend schutzlos ausgestellten Objekte, zum Anderen mobilisiert er ihre stetige Transformation durch künstlerische und soziale Praktiken, vor allem in Interaktion mit Performern und Zuschauern. Eingebettet in zeitgenössische Diskurse zur agency der Dinge aus Perspektive der material cultural studies stellt sich die Frage nach dem epistemischen und sinnlichen Zugewinn durch den (Medien-)Transfer der Sammlung von einer geschützten und geordneten Privatsphäre auf die offene, scheinbar chaotische Bühne im Kontext der Aufführung.

Astrid Hackel
Institut für deutsche Literatur
Humboldt-Universität zu Berlin
astrid.hackel@gmail.com

Dominik Collet

Dinge als „disciplinary objects“. Frühe universitäre Sammlungen und die
Naturalisierung neuer Wissensfelder

Sammlungen und Museen sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten als Räume der Wissensproduktion wieder entdeckt worden. Der Fokus lag dabei zumeist auf strukturellen Homologien zwischen Sammlung und Labor. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, dass Sammlungen neben der Generierung von Wissen auch zahlreiche weitere Funktionen erfüllen: Sie erlauben einen Blick auf die Theatralität von Wissen, die Konstruktion von Evidenz oder die Ressourcen wissenschaftlicher Identitätsbildung. Ihre Objekte lassen sich so als materielle Kristallisationspunkte von Denkkollektiven und Wissenskulturen untersuchen. Der Vortrag illustriert dies am Beispiel des Academischen Museums (1773-1840) der Universität Göttingen. Diese Aufklärungssammlung bildete eine zentrale „contact zone“ von Akademikern und Amateuren, Buchwissen und Dingwissen, von Wunderkammer und Forschungssammlung. Sie brachte neue Akteursgruppen, neue Evidenzprinzipien und neue Wissensfelder an die junge Reformuniversität. Mit den archäologischen, ethnologischen und kunsthistorischen Objekten kamen Forschungen an die Universität, die bisher außerhalb der akademischen Tradition praktiziert wurden. Neue Disziplinen wie die Völkerkunde, die Botanik oder die Archäologie entstanden als eigenständige Fächer in enger Verknüpfung mit der jeweiligen Sammlungen.
Die Dinge verliehen neuen Wissensfeldern eine unbestreitbare Materialität und „naturalisierten“ deren kulturelle Konstruktion. Als „disciplinary objects“ (Kirshenblatt-Gimblett) strukturierten und markierten die Exponate Wissensfelder und –praktiken. Sie wurden so selbst zu Akteuren, die den Wissensbetrieb und seine Ausdifferenzierung bis heute mitprägen. Den Sammlungen kam damit neben ihrer Funktion als Forschungsressource eine zentrale – wenn nicht die Schlüsselrolle – im Prozess der Ausdifferenzierung akademischer Felder und Fächer zu.

Dominik Collet
Heidelberg Center for the Environment
Heidelberg

Susanne Grunwald

„Riskante Zwischenschritte“. Archäologische Kartographie in Deutschland um 1900

In seiner Studie zu einer bodenkundlichen Expedition in den brasilianischen Urwald beschrieb Bruno Latour die Transformationen, denen Untersuchungsobjekte im Verlauf von Forschungsprozessen unterworfen werden (Latour 2000). Latour beobachtete die Wege der Dinge zu den Worten und Zeichen und die Konsequenzen, die solche Transformationsprozesse für den Fortgang der Forschung und das Sprechen darüber haben. Er verwies darauf, dass diese Prozesse u.a. in ihrer Ökonomie überhaupt erst die „Übersicht“ über diese Gegenstände ermöglichen. Solche Übertragungen von Fundplätzen, Befunden und Funden in Zeichensysteme sind auch für die archäologische Wissensproduktion essentielle Praktiken. Ihre Produkte wie z. B. Karten ermöglichen den Überblick über Fundverteilungen auf Ausgrabungen oder landesweit – über die räumliche Verbreitung archäologischer Dinge schlechthin.
Besonders Karten sind inzwischen „kommunikative Selbstverständlichkeiten“ (Gugerli – Orland 2002, 10) der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie und sie leisten so überzeugend und machtvoll Bestandsaufnahmen ebenso wie Ergebnispräsentationen, dass darüber „ihre instrumentellen Voraussetzungen, ihre Prozeduren und Verfahrensbedingungen“ (Ebd.) kaum mehr hinterfragt werden. Sie gilt es aber zu reflektieren, denn sie sind der tradierte Rahmen, in dem archäologische Funde und Befunde zu verschiedenen Zeichen auf Karten transformiert werden, um Ordnung in die Dinge zu bringen.
Eine Möglichkeit der Annäherung an diese Entstehungsbedingungen archäologischer Karten bietet die historiographische Perspektive. Im geplanten Vortrag soll am Beispiel von Debatten aus der Anfangszeit der archäologischen Kartographie um 1900 aufgezeigt werden, was konzipiert und praktiziert wurde, bevor das Kartieren archäologischer Dinge zur Selbstverständlichkeit wurde. Der Rückblick darauf, wie Potentiale und Grenzen der archäologischen Kartographie ausgehandelt wurden, wird deren inzwischen selbstverständliche Transformationsprozesse verdeutlichen. Dadurch werden auch die „riskanten Zwischenschritte“ erkennbar (Latour 2000, 53), von denen Latour auf dem Weg vom Ding zum Zeichen sprach.

Susanne Grunwald
Lehrstuhl der Ur- und Frühgeschichte
Universität Leipzig
susgrun@rz.uni-leipzig.de

Katja Rösler

Mit den Dingen rechnen: „Kulturen“-Forschung und ihr Geselle Computer

Ziel meines Vortrags ist es, auf Grundlage wissenschaftssoziologischer und theoretischer Studien zu den Wirkungen von Technologie und Software auf die Forschenden und die Forschungen, den Umgang der prähistorischen Archäologie mit einer großen Datenmasse zu beschreiben.
Als Beispiel dienen mir die wissenschaftlichen Tätigkeiten Jens Lünings und seiner Schüler_innen. Lünings akademische Schule zeichnet sich durch die „Verarbeitung“ großer Datenmengen aus, denn ihr vorderstes Ziel ist es, chronologische Abfolgen und räumliche Ausbreitungen von neolithischen „Keramikkulturen“ (Lüning 1972) zu erkennen. Ihr Axiom ist folglich die je vollständige Repräsentation aller bis dato bekannten archäologischen Funde der gewählten zeit-räumlichen Einheit. Zur Bewältigung dieser Masse von Dingen ziehen Lünings Schüler_innen Computertechnologien heran. Diese wirken auf das wissenschaftliche Handeln, die wissenschaftliche Gemeinschaft und letztlich auf das Wissen selbst, denn sie „weben mit am Stoff, aus dem die Gesellschaft ist“ (Latour 1998, 65).
In meinem Vortrag wird deutlich werden, dass das eigentliche Artefakt lediglich eine verhältnismäßig kurze Zeit tatsächlich zugegen ist. Seine „Bearbeitung“ kommt dem Scannen gleich, es wird verrechnet und ein Wissen über es entsteht durch die Geste des Klickens auf die Buttons der Software. Dadurch muss sich die/der Forschende von einer/m Keramik Expertin/en zu einer/m Software-Expertin/en entwickeln. Gelingt ihr/ihm das nicht, so liegt der Schluss nahe, dass die Wissensproduktion allein von der Software geleistet wird, und also das Wissen, das mit hunderten oder tausenden Artefakten belegt wird, zum Beispiel den Algorithmen von Nie, Bent & Hull (1970) zu verdanken ist. Dieser Befund muss Archäologen_innen Sorge bereiten, sind doch die Prämissen einer Software für demoskopische Forschungen womöglich nicht auf archäologische Artefakte übertragbar. Ich meine jedoch, dass die Vernetzungen von Technologien, Menschen und Artefakten, von „Gesten und Know-how“ (Latour 1998, 51), eine andere Form von Wissensproduktion befeuern, die nicht nur mehr archäologische Artefakte sondern auch mehr menschliche und nichtmenschliche Agenten miteinander verbindet und folglich fehlendes Know-how ausgeglichen werden kann. Es bleibt allerdings die Frage, wie eine solche Gemeinschaft aussehen muss und wie die Wissensprodukte aus einem „Hexenkessel mit Computerchips, Organisationen, Subjektivitäten, Software, gesetzlichen Vorschriften, Routinen (…)“ (Latour 1996, 307) letztendlich zu bewerten sind.

Katja Rösler
Institut für Archäologische Wissenschaften, Frühgeschichtliche Archäologie und Archäologie des Mittelalters
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
katjaroesler@ymail.com

Arnica Keßeler

Affordanz, oder was Dinge können!

Dinge stellen einen zentralen Themenbereich in der Archäologie dar. Die Auseinandersetzung mit dem Ding erschöpft sich derzeit leider häufig im Dokumentieren der etwaigen Parameter wie Breiten- und Längenangaben, Gebrauchsspuren oder Fundverteilungen. Diese Analysebereiche die direkt mit den möglichen Nutzungen der Dinge verbunden sind, zeigen jedoch nur einen Teil der möglichen Informationen an, die uns Dinge anbieten. Eine Beschäftigung über diese Bereiche hinaus findet oft nicht statt oder wird durch geläufige Funktionszuweisungen als bekannt angenommen. Ein Grund liegt dabei womöglich darin, dass dem Ding ohne den Menschen das Handeln abgesprochen wird. Die Interaktion des Dings mit dem Menschen wird als bedeutsam hervorgehoben und der Schwerpunkt auf den „handelnden Menschen“ gerichtet. Vernachlässigt werden hierbei die Möglichkeiten, die die Dinge „anbieten“. Diese Affordanzen (Gibson 1982), die die Interaktion zwischen Mensch und Ding erst zulassen und folgend zu einer Handlung führen, wurden in der Archäologie bislang kaum bedacht. Durch diese einseitige, anthropozentrische Betrachtung der Dinge werden Aspekte und Angebote vernachlässigt, die die Dinge aufweisen.
Mit dem Prinzip der Affordanzen – dem Angebotscharakter – kann auch in der Archäologie ein neuer Blick auf die Dinge geworfen werden. Diese Betrachtungsweise stellt das Ding ins Zentrum der Untersuchungen und zeigt (materielle) Möglichkeiten auf, die in Verbindung mit dem Menschen Interaktionen zur Folge haben können. Ich plädiere in meinem Vortrag daher für eine Gleichsetzung der Interaktionsparteien Ding und Mensch um neue Erkenntnisse über deren Wechselbeziehung zu erlangen.

Arnica Keßler
Institut für Vorderasiatische Archäologie
Freie Universität Berlin
keardo@gmx.de

Tatiana Ivleva

A totality of things and objects: multifaceted British-made brooches abroad

Brooches formed part of a dress for any inhabitant of the Roman world; they served to hold two pieces of a person’s clothing together. Up to now 242 British-made brooches have beenidentified on 103 sites across Europe. Being made in Roman Britain and brought overseas for the propose of fastening the clothes, their functional aspect started to be overshadowed by other meanings attached to them by the variety of owners, users and viewers brooches have changed during their lifetime. Once the brooches reached their final owners and entered the archaeological record, they acquired the mixture of identities filled with the variety of meanings and associations.

This paper would like to contribute to the second theme of the conference by illustrating the concept of entanglement of objects and things and using as the example British-made brooches found outside the province of their manufacture. In an essence, each brooch is dual in its uniformity having the essentialised (thing-ness) and multifaceted (object-ness) margin, i.e. the boundaries of the brooches’ identities were repositioned in relation to different points of reference (i.e. different users, owners and viewers), although their core identity, as being things, was not erased within the other meanings. The presentation shows how the aspect of entanglement comes into play, when „the thing in its own right” (Hodder 2012, 2) is being an agent of and for other agents without losing its „thinghood”. In this way both thingness and object-ness neither precede nor proceed but are firmly entrenched within one another forming a totality, which provides a playground for myriad of identities to be projected.

Tatiana Ivleva
Factuly of Archaeology
Universität Leiden
tatianaivl@hotmail.com

Reinhard Bernbeck

Akkumulieren ist eine Suchtkrankheit und Archäologie ist ihr Symptom

In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit dem Akkumulieren als einer Handlungsweise, die Kultur und Ökonomie seit der Renaissance eng aneinander bindet. Es handelt sich dabei um ein Dispositiv, welches sich durch Kolonialismus und Globalisierung weltweit ausgebreitet hat und anscheinend alternativlos dasteht. In diesem Dispositiv nimmt die Archäologie eine paradoxe Stellung ein: als eines der Hauptsymptome der Akkumulationskrankheit, und zugleich als eines der wenigen Mittel, diese Krankheit sichtbar zu machen und damit gegen sie anzugehen. Die Beispiele, die ich zur Illustration meiner These verwende, stammen aus dem neolithischen Westasien und aus der westlichen Museenwelt.

Reinhard Bernbeck
Institut für Vorderasiatische Archäologie
Freie Universität Berlin
rbernbec@zedat.fu-berlin.de

Raimund Karl

My preciousssss… Oder: every sherd is sacred

Die Vollständigkeit von Beobachtungen ist eine der unabdingbaren (epistemo-)logischen Voraussetzungen für die Möglichkeit, einen positiv beweiskräftigen Induktionsschluß durchführen zu können. Und der Glaube, dass nur Induktionsschlüsse, ausgehend von richtigen und vollständigen Beobachtungen von archäologischen Funden (und Befunden), verlässliche, d.h. letztendlich ‚wahre‘, Erkenntnisse über ur- und frühgeschichtliche Dinge (und Menschen) erzeugen können, ist in der deutschsprachigen Ur- und Frühgeschichte seit wenigstens ihrem Beginn als eigenständiges wissenschaftliches Fach programmatisch festgeschrieben.
Für Österreich schreibt zum Beispiel Moriz Hoernes an keinem geringeren Ort als der methodischen Einleitung zu seiner Habilitationsschrift, mit der er die „k.&k. (Wiener) Schule“ der Ur- und Frühgeschichte begründete, dass der „…Anfang und Fortschritt…“ in der Ur- und Frühgeschichte in „…der Beobachtung nackter Tatsachen, im Aneinanderreihen der einzelnen an sich geringfügigen Wahrnehmungen zu unerschütterlichen Erkenntnissen liegt…“ (Hoernes 1892, 43). Dafür beruft er sich auf Rudolf Virchows Ansichten zur Bedeutung der „…Hilfsmittel der Beobachtung und des Experiments…“ und Virchows Hoffnung, dass die anthropologischen Wissenschaften in Hinkunft „…auf rein induktivem Weg…“ vorwärts schreiten würden (Hoernes 1892, 70).

Dieses neopositivistische Wissenschaftsbild wird seitdem in der deutschsprachigen Ur- und Frühgeschichte völlig unreflektiert als „einzig wahre“ Art der Erzeugung archäologischen Wissens von Generation zu Generation weitergegeben; es ist zum fachlichen Dogma geworden. Aus diesen Voraussetzungen ergibt sich jedoch logisch zwingend ein ganz bestimmtes Verhältnis des Faches zu den (archäologischen) Dingen: das (archäologische) Ding ist Objekt unserer (hoffentlich) „richtigen“ Beobachtungen. Aus diesen Beobachtungen wollen wir induktiv die Wahrheit erschließen. Dazu ist die Vollständigkeit der Beobachtungen erforderlich. Es folgt zwingend: jedes archäologische Ding ist ein unendlich wertvoller Schatz, ist heilig, muss für immer aufgehoben und in nur Eingeweihten zugänglichen Repositorien aufbewahrt werden, weil jeder andere sie absichtlich oder unabsichtlich zerstören könnte. Nur so lässt sich sicherstellen, dass unsere Beobachtungen beliebig (experimentell) wiederholbar bleiben und unsere Wissenschaft nicht auf anderem als rein induktivem Weg vorwärts schreiten muss. Massendinghaltung ist also eine notwendige Folge unseres epistemologischen Ansatzes.

Raimund Karl
School of History, Welsh History and Archaeology
Prifysgol Bangor University
r.karl@bangor.ac.uk

Sabine Rieckhoff

Ist das Archäologie oder kann das weg?

Wissenschaft und Kunst lassen sich als einander überschneidende Symbolsysteme verstehen, mit denen Welten beschrieben und erzeugt werden. Es ist daher ebenso legitim wie reizvoll, die Frage des material turn und der archäologischen „Massendinghaltung“ aus einer bestimmten Sicht der Kunst zu hinterfragen, die vor rund 100 Jahren mit Marcel Duchamp’s objets trouvés begann, den Ding-Charakter des Kunstwerkes zu entdecken und symbolisch zu transformieren. Die Concept art der 1960er Jahre radikalisierte diesen Ansatz und identifizierte Dinge als Kunstwerke, deren Aussage nicht mehr autonome Objekte (Bilder, Skulpturen, Fotos, etc.) waren, sondern Form gewordene Konzepte zur Entstehung, Nutzung und Bedeutung von Dingen. Berühmt wurde Joseph Beuys‘ „Badewanne“ (1960), nachdem deren Symbolik einer übereifrigen Reinigungskraft zum Opfer gefallen war, ein Schicksal, das vor zwei Jahren auch Martin Kippenbergers Trog erlitt und die medienwirksame Frage evozierte: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Aber nicht nur in der Schlüsselrolle der den Alltag entnommenen Dinge, auch in Stilmitteln wie Wiederholung und Masse und nicht zuletzt im Einsatz digitaler Medien wird die Homologie zwischen Concept art und Prähistorischer Archäologie sichtbar: Auch in der Archäologie ist die Individualität des wissenschaftlich und kommerziell kostbaren Einzelobjektes oder –befundes (Beispiel „Fürstengrab“) an den Rand gedrängt worden von unansehnlichen Massen (Beispiel Großgrabung); auch hier ist an die Stelle der Ikone das Kollektiv der Dinge getreten, deren Konzepte – ihr einstiger sozialer Stellenwert – mit Hilfe quantitativer Methoden (re)konstruiert werden soll. Denn auch die Archäologie glaubt, dass das Gesetz der Serie einen Querschnitt durch Raum (Gesellschaft) und Zeit (Geschichte) ermöglicht, obwohl auch sie längst eingesehen haben müsste, dass sich Konzepte nur schwer „dingfest“ machen lassen. Aber so wie sich die Kunst immer mehr auf die Konzepte konzentrierte und dafür die Form vernachlässigte, bis sie „buchstäblich“ nur noch aus Worten bestand, so klammert sich die Archäologie an Fragen, die seit dem Historismus von den Schriftquellen diktiert werden. So wie die Concept art aus Mangel an Gestalt und Gestaltung heute quasi verhungert, so könnte auch die Archäologie aussterben, wenn sie nicht lernt, die gestalterischen (d. h. narrativen) Qualitäten ihrer Dinge zu nutzen. Wenn ihr das aber gelingt, wird sich die im Titel gestellte Frage von selbst beantworten. Allerdings könnten die Antworten je nach Kontext unterschiedlich ausfallen.

Sabine Rieckhoff
Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte
Universität Leipzig
sabine.rieckhoff@online.de

Literaturverzeichnis

Burmeister, S. Nach dem Post-, Forum Kritische Archäologie 1, 2012, 45–51, URL: http://www.kritischearchaeologie.de/repositorium/fka/2012_1_07_Burmeister.pdf.

Gibson, J. Wahrnehmung und Umwelt. Der ökologische Ansatz in der visuellen Wahrnehmung (München, Wien 1982).

Gugerli, D. – Orland B. Einführung. In: Dies. (Hrsg.), Ganz normale Bilder. Historische Beiträge zur visuellen Herstellung von Selbstverständlichkeit. Interferenzen 2 (Zürich 2002) 9-16.

Haraway, D. J. A Cyborg Manifesto. Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century. In: Donna J. Haraway (Hrsg.), Simians, Cyborgs, and Women: the Reinvention of Nature (New York 1991) 149–181.

Hoernes, M. Die Urgeschichte des Menschen nach dem heutigen Stand der Wissenschaft (Wien, Pest & Leipzig 1892).

Hodder, I. Entangled. An archaeology of the relationships between humans and things (Malden 2012).

Latour, B. Social theory and the study of computerized work sites. In: Wanda J. Orlinokowski/Geoff Walsham (Hrsg.) Information Technology and Changes in Organizational Work (London 1996) 295-307.

Latour, B. Über technische Vermittlung. Philosophie, Soziologie, Genealogie, In: Werner Rammert, Technik und Sozialtheorie (Frankfurt am Main/New York 1998) 29-81.

Latour, B. Zirkulierende Referenz. In: Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora (Frankfurt am Main 2000) 36-95.

Lüning J., Zum Kulturbegriff im Neolithikum, Prähist. Zeitschr. 47, 1972, 145–173.

Nie, N. /Bent, D./Hull, C. H. SPSS: Statistical Package for the Social Sciences (New York 1970).

Stockhammer, P. W. Performing the Practice Turn in Archaeology, Transcultural Studies 1, 2012, 7–42.

Ein Gedanke zu “Programm zur Tagung „Massendinghaltung in der Archäologie“

  1. Pingback: Massendinghaltung in der Archäologie: die Konferenz der TidA 2013 | Sprache der Dinge

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